Focus Mode — warum KI-Antworten für ADHS-Leser ein Format brauchen, keine Kürzung
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Focus Mode — warum KI-Antworten für ADHS-Leser ein Format brauchen, keine Kürzung

Ich habe ADHS. Das ist beim Programmieren meistens kein Problem — bei KI-Antworten schon.

Eine typische Antwort sieht so aus: eine freundliche Einleitung, dann eine Analogie mit einem Türsteher, der Ausweise kontrolliert, dann drei Absätze Erklärung, und irgendwo in Absatz drei steht die Zeile Code, um die es ging. Für die meisten Menschen ist das angenehm zu lesen. Bei mir reißt der Faden bei der Analogie. Ich fange an, mir den Türsteher vorzustellen, und bin weg.

Das Ergebnis kenne ich gut: Antwort überfliegen, nichts hängen geblieben, nochmal lesen, wieder nichts, dann einfach nochmal fragen. Drei Durchgänge für eine Information, die in einem Satz gepasst hätte.

Das Problem ist nicht die Länge

Der naheliegende Reflex ist „fasse dich kürzer". Das funktioniert nicht, und zwar aus einem konkreten Grund: Kürze allein nimmt der Antwort Substanz, nicht Ballast. Wenn ich frage, warum eine Architekturentscheidung falsch ist, will ich die vollständige Begründung. Ich will sie nur nicht in Fließtext mit Metaphern.

Reguliert werden muss das Format, nicht die Länge. Das ist der Kern.

Konkret an meinem eigenen Leseverhalten festgemacht: Ich lese Zeile eins, springe dann zu allem, was fett oder Code ist, und lese Prosa nur, wenn mich etwas daran hält. Gestapelte Aufzählungen verschwimmen mir zu einem grauen Block. Ein „siehe oben" zwingt mich zurückzuscrollen, und beim Zurückscrollen ist der Faden weg. Nach einer Pause weiß ich nicht mehr, woran wir waren.

Jede dieser Beobachtungen ist jetzt eine Regel.

Zwölf Regeln, jede an ein Muster gebunden

# Regel Lesemuster dahinter
1 Überfliegbar — Zeile eins ist das Ergebnis, alles Wichtige fett oder als Code ich lese Zeile eins, dann nur Fettes und Code
2 Einfach — kurze Hauptsätze, keine Metaphern, keine Vergleiche bildhafte Sprache startet einen Kopffilm
3 Selbsttragend — kein „siehe oben", Nötiges wird wiederholt Zurückscrollen reißt den Faden
4 Geschlossene Türen — Nebenbefunde werden gemeldet, nie erklärt Nebenthemen ziehen mich weg
5 Ein Bildschirm — etwa 25 Zeilen, der Rest wird angeboten Textwände bleiben ungelesen
6 Tabellen — Gleichrangiges nebeneinander, Listen nur für Abläufe gestapelte Listen verschwimmen
7 Anschluss — Offenes endet mit Befehl zum Kopieren oder Ja/Nein-Frage ein unklarer erster Schritt heißt: verschoben
8 Wiedereinstieg — nach einer Pause zuerst Vorhaben · Stand · Nächstes nach der Unterbrechung ist der Stand weg
9 Prüfstand — unmarkiert heißt geprüft, alles andere trägt (Vermutung) oder (ungeprüft) einen nackten Befund nehme ich an, weil nichts anderes dasteht
10 Lücke — was nicht angesehen wurde, steht als Schlusszeile Nicht geprüft: … was nicht dasteht, gibt es für mich nicht
11 Spanne — Schätzungen sind eine Spanne, nie eine Einzelzahl eine einzelne Zahl bleibt als Anker hängen
12 Premortem — vor einer unumkehrbaren Aktion den wahrscheinlichsten Scheitergrund nennen ein schnelles „Ja" fällt, ohne ans Scheitern zu denken

Die Regeln 9 bis 12 sind später dazugekommen und haben eine andere Herkunft. Sie stammen nicht aus meinem Leseverhalten, sondern aus Daniel Kahnemans „Schnelles Denken, langsames Denken". Der Anlass war eine Schwäche, die der Regelsatz selbst erzeugt hat: Eine kurze Antwort zeigt nur den Befund. Ob er geprüft oder geraten ist, sehe ich ihr nicht an — und ich nehme ihn an, weil nichts anderes dasteht. Kahneman nennt das „What you see is all there is". Die vier Prüfregeln machen sichtbar, was gesichert ist und was fehlt. Eine fünfte Idee, die Außensicht mit Vergleichswerten aus früheren Projekten, habe ich verworfen: Ohne echte Vergleichsdaten müsste der Assistent raten.

Zwei Dinge tut Focus Mode bewusst nicht.

Kein Telegrammstil. Vollständige Sätze, Artikel und Verbindungswörter bleiben drin. Weggelassene Wörter muss der Leser selbst ergänzen, und genau diese Rekonstruktion ist die Stelle, an der der Faden reißt. Gekürzt wird die Verpackung, nie die Grammatik.

Keine Kürzung der Substanz. Code, Befehle, Tabellen mit Messwerten, Sicherheitswarnungen, Widerspruch, Korrekturen und Antworten auf ein ausdrückliches „warum" bleiben vollständig. Eine Formatregel darf aus dem Assistenten keinen Ja-Sager machen — das wäre die Krankheit als Heilmittel.

Warum ein Hook und kein Skill

Das ist die eigentliche technische Entscheidung, und sie ist der Grund, warum das Ding funktioniert.

Ein Skill oder ein Absatz im System-Prompt wird einmal gelesen. Über eine lange Sitzung verliert er an Gewicht, und bei Zug vierzig schreibt der Assistent wieder Vier-Absatz-Antworten. Genau dieses Problem sollte gelöst werden — also kann die Lösung nicht auf demselben Mechanismus beruhen.

Focus Mode hängt stattdessen an zwei Lebenszyklus-Ereignissen der Laufzeit:

Ereignis Aufruf Wirkung
SessionStart focus-mode.mjs --full vollständiger Regelsatz mit Begründung, einmal je Sitzung
UserPromptSubmit focus-mode.mjs --reminder Ein-Absatz-Auffrischung, bei jeder Nachricht

Was ein UserPromptSubmit-Hook nach stdout schreibt, landet im Kontext dieses Zuges. Das Format wird also bei jeder Nachricht neu behauptet und ist bei Zug 100 so stabil wie bei Zug 1.

Der Preis dafür ist erstaunlich klein. Der volle Regelsatz kostet rund 850 Token einmalig, die Auffrischung rund 150 Token je Nachricht. Nach vierzig Zügen sind das etwa 7.000 Token Regeln im Transkript — gegenüber rund 34.000, wenn man naiv bei jeder Nachricht den ganzen Text einspielt.

Drei Stufen, keine Strenge-Skala

Stufe Was sie regelt Wofür
full alle zwölf Regeln, ein Bildschirm erklären, abwägen, entwerfen
lite neun Regeln, halber Bildschirm alltägliches Hin und Her beim Coden
minimal die ganze Antwort sind ein bis zwei Sätze Nachschlagen: Status, Wert, Dateiname, ja/nein
off Regeln aus —

Das ist keine Skala von streng nach lax. full regelt die Struktur einer Antwort bis zur Bildschirmgröße, minimal deckelt ihre Länge. Auch minimal kürzt keine Substanz: Code, Tabellen, Sicherheitswarnungen, Widerspruch und Antworten auf eine ausdrückliche Rückfrage bleiben vollständig.

Umgeschaltet wird im Chat mit /focus full, /focus minimal, /focus off — oder aus jeder Shell heraus mit focus minimal.

Die Pausenerkennung

Der Auffrischungs-Schritt merkt sich je Sitzung einen Zeitstempel. Liegt die letzte Nachricht länger zurück als die eingestellte Schwelle — voreingestellt sind zwanzig Minuten —, hängt der Hook eine Zeile an: Die Antwort soll mit Vorhaben · Stand · Nächstes beginnen.

Dasselbe passiert nach einer Kompaktierung des Kontexts. Aus Sicht des Lesers ist das eine Unterbrechung wie jede andere, auch wenn technisch gerade das Gegenteil stattgefunden hat.

Für mich ist das die Regel mit der größten Alltagswirkung. Ich komme nach dem Mittagessen zurück, und statt durch das Transkript zu scrollen, steht der Stand in der ersten Zeile.

Woher die Idee kam

Ehrlichkeit an dieser Stelle, weil sie mir wichtig ist: Die Beobachtung, dass bei ADHS-Lesern das Format einer Antwort reguliert werden muss und nicht ihre Länge, ist nicht auf meinem Mist gewachsen. ayghri/i-have-adhd hat das früh als Skill umgesetzt, und die erste Fassung meines Regelsatzes lehnte sich deutlich daran an — deutlicher, als mir beim Schreiben bewusst war.

Aufgefallen ist mir das erst, als ich das Repository veröffentlichen wollte. Als reine Eigenentwicklung wäre es nicht ehrlich gewesen.

Der heutige Regelsatz ist deshalb nicht umformuliert, sondern neu abgeleitet: aus meinem tatsächlichen Leseverhalten, Regel für Regel an ein konkretes Muster gebunden. Geblieben ist die Grundidee. Dazugekommen sind die Bauform als Hook, die Pausenerkennung und die drei Stufen. ayghri steht in der README in einer Danksagung, und das ist der richtige Platz dafür.

Installation

Das Repository steht unter MIT-Lizenz auf GitHub: github.com/danbart2022/focus-mode

Vorausgesetzt werden Node ab Version 18 und Bash. Der Hook selbst hat keine Abhängigkeiten.

git clone https://github.com/danbart2022/focus-mode.git ~/focus-mode
cd ~/focus-mode
./install.sh

Das verlinkt hooks/ und commands/ nach ~/.claude/, trägt die beiden Hooks in ~/.claude/settings.json ein — eine Sicherung mit Zeitstempel wird vorher geschrieben — und legt eine Statuszeile mit der aktiven Stufe an. Danach Claude Code neu starten und /focus status eingeben.

Für die OpenAI Codex CLI genügt ./install.sh --codex, für beide Laufzeiten ./install.sh --all. Codex liest dasselbe Hook-Schema und übergibt dasselbe JSON auf stdin, deshalb dient ein Skript beiden. Die Konfigurationsdatei wird geteilt: einmal umschalten gilt überall.

Wer Claude.ai oder ChatGPT im Browser nutzt, hat keine Hooks. Dafür liegen im Repository unter prompts/ fertige Textfassungen zum Einfügen in die Projektanweisungen beziehungsweise in die benutzerdefinierten Anweisungen. Das hilft bei kurzen Unterhaltungen — die Auffrischung je Nachricht fehlt dort naturgemäß, und damit driftet das Format in langen Gesprächen wieder weg.

Deinstallieren geht mit ./uninstall.sh. Die Einstellungsdatei bleibt liegen, damit eine spätere Neuinstallation den alten Stand wiederfindet.

Was ich ehrlicherweise nicht behaupten kann

Es gibt keinen Benchmark. Focus Mode ist seit September 2026 bei mir im täglichen Einsatz, über mehrstündige Agenten-Sitzungen hinweg, und der Regelsatz wurde in dieser Zeit zweimal nachgeschärft — beide Male, indem ich gefragt habe, was beim Lesen tatsächlich schiefging, nicht indem ich Regeln aus einer Liste ergänzt habe. Die vier Prüfregeln sind die Ausnahme: Sie kommen aus einem Buch, nicht aus einer Beobachtung, und müssen sich im Alltag erst noch beweisen.

Was sich qualitativ geändert hat: Ich lese Antworten einmal statt zwei- oder dreimal. Die Schleife „Textwand, überspringen, nochmal fragen" ist weg. Nach einer Unterbrechung ersetzt die Ankerzeile das Zurückscrollen.

Ob das bei anderen genauso wirkt, weiß ich nicht. ADHS sieht bei jedem anders aus, und die Regeln sind aus einem Leseverhalten abgeleitet — meinem. Genau deshalb liegt der Regelsatz als einfache Markdown-Datei im Repository und nicht fest verdrahtet im Code: Wer andere Muster hat, schreibt andere Regeln hinein, ohne eine Zeile JavaScript anzufassen.

Wenn jemand etwas misst, freue ich mich über ein Issue.

Häufige Fragen

Muss ich ADHS haben, damit sich das lohnt?

Nein. Die Regeln beschreiben, wie eine Antwort aufgebaut sein sollte, damit man sie einmal lesen muss statt zweimal. Davon profitiert jeder, der lange Agenten-Sitzungen fährt — bei ADHS ist der Unterschied nur besonders spürbar.

Wird Claude dadurch dümmer oder oberflächlicher?

Nein, und das ist ausdrücklich abgesichert. Code, Tabellen, Sicherheitswarnungen, Widerspruch und Antworten auf ein ausdrückliches „warum" bleiben vollständig. Gekürzt wird die Verpackung, nie der Inhalt.

Funktioniert das auch mit ChatGPT oder Codex?

Mit der Codex CLI ja, über dasselbe Hook-Skript — ./install.sh --codex. Für ChatGPT und Claude.ai im Browser liegt eine Prompt-Fassung bei; dort fehlt die Auffrischung je Nachricht, deshalb driftet das Format in langen Unterhaltungen.

Wie viele Token kostet das?

Rund 850 Token einmalig beim Sitzungsstart und rund 150 Token je Nachricht auf Stufe full. Nach vierzig Zügen etwa 7.000 Token — gegenüber rund 34.000, wenn man den kompletten Regelsatz bei jeder Nachricht mitschickt.

Kann ich die Regeln an mich anpassen?

Ja, das ist der vorgesehene Weg. Der Regelsatz liegt als Markdown-Datei im Repository. Ändern, Claude Code neu starten, fertig — ohne eine Zeile JavaScript.

Was passiert bei einem Update?

Die aktive Stufe steht in ~/.claude/focus-mode.json, also außerhalb des Repositorys. Ein git pull setzt die Einstellung deshalb nicht zurück, und install.sh lässt sich gefahrlos erneut ausführen.


Wenn dir beim Lesen dieses Artikels aufgefallen ist, dass er selbst kaum Metaphern enthält und die Tabellen dort stehen, wo andere Listen hätten: Das ist kein Zufall. Der Text ist nach denselben Regeln entstanden.

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